"Man müßte zwei, drei Leben zusammen haben"

Marcello Viotti

"Si j'étais Dieu, j'aurais pitié au cœur des hommes" …

"Wenn ich Gott wäre, hätte ich Mitleid mit den Menschen." In Verse wie diesen kann sich Marcello Viotti immer wieder versenken. Und es gibt Zeiten, in denen er sich einfach an den Tisch setzt, um die Partitur von "Pelléas et Mélisande" im stillen zu lesen. "Dieser Text von Maeterlinck und die Musik, die Debussy dazu geschrieben hat, berühren mich zutiefst", sagt er. Die Verse Arkels oder die beiden Liebesduette am Brunnen, sie sind auch ein Brunnen für ihn, aus dem sich ständig schöpfen läßt. Seelenbalsam, Wunderborn - "Pelléas et Mélisande" ist Viottis erklärtes Lieblingswerk.

Das mag so manchem überraschend scheinen. Denn aufs erste verbindet man den klingenden Namen des Dirigenten mit klangsatter Opern-Italianità. Marcello Viotti gilt als Spezialist für das italienische Fach und die "Grand' Opéra" - vom angestammten Repertoire bis in die Verästelungen belcantesker Opernraritäten, von "Otello" (um gleich bei seinen jüngsten Wiener Operndirigaten zu bleiben) bis zu "Roberto Devereux".

Doch in dieser Liebe zur großen Oper "all'italiana" oder "à la française" spiegelt sich nur ein Teil seines Wesens: "Ich bin, denke ich, ,zweispaltig' - sagt man so? In mir gibt es eine enorme Leidenschaft. Wenn ich ,Otello' dirigiere, zum Beispiel, dann geschieht das mit voller Leidenschaft. Aber die andere Seite ist total nach innen gerichtet und sucht die Musik, in der die Emotionen ganz verinnerlicht sind. Das sind wirklich zwei Hälften meiner Persönlichkeit. Die eine ist extrovertiert, die andere introvertiert …"

Zwei Seelen in einer Brust

"Otello" und "Pelléas". Zwei Seelen wohnen so in seiner Brust. Die eine aber braucht sich von der anderen nicht trennen. Denn als Künstler kann man die Polarität ausleben, aus der Spannung Funken schlagen. Und kommen, wie bei Marcello Viotti, noch enormer Fleiß und intellektuelle Neugier, großes Wissen und polyglotte Offenheit hinzu, dann mündet solche "Zwiegespaltenheit" in ein staunenswert weites Repertoire. Das belegen allein schon die Programme, die Marcello Viotti seit seinem Musikvereinsdebüt 1993 hier mit den Wiener Symphonikern dirigiert hat.

Das Spektrum reicht da von Herzstücken des Repertoires bis zu Ravels "Sheherazade", Chaussons Symphonie B-Dur und Egon Wellesz' "Dritter Symphonie", die er im vergangenen Jahr zur Uraufführung brachte. Die Premiere hat auch bei ihm selbst einen tiefen Eindruck hinterlassen. Inzwischen ist Viotti weltweit in Sachen "Wellesz" unterwegs. Gern ergreift Viotti die Gelegenheit, den Wiener Symphonikern Rosen zu streuen. "Es ist immer eine Freude, mit diesem Orchester zu musizieren", sagt er - und diese Freude beruht, wie man leicht ersehen kann, auf Gegenseitigkeit. Jahr für Jahr gibt es zumindest eine gemeinsame Konzertserie im Musikverein, hinzu kommen weitere Projekte zu Wasser (bei den Bregenzer Festspielen) und zu Lande (Tourneen durch Österreich und Deutschland 2004).

Von Luzern auf New York zu

Überhaupt schätzt Marcello Viotti die kontinuierliche Arbeit mit einem Orchester. "Man lernt viel dabei, man kennt die einzelnen Pulte und die Register im Orchester, und so läßt sich eine Beziehung Jahr für Jahr weiterentwickeln." Oder, anders gesagt: "Ich bin sehr treu - und man ist treu zu mir. Und diese Treue ist mir wichtig, auch bei meinen ,alten' Orchestern, die ich als Chefdirigent geleitet habe - Saarbrücken, Bremen, Luzern.

Sie werden jetzt vielleicht sagen: ,Luzern, also das ist doch zweite Klasse …' Trotzdem gehe ich jedes Jahr oder alle zwei Jahre dahin zurück. Man hat fünf Jahre gemeinsam gelebt, gestritten und geliebt - das ist wie in einer Beziehung. Ich jedenfalls kann da nicht sagen: Das ist vergangen und vorbei. Und so leite ich immer wieder gern für eine Woche die Luzerner Musikgesellschaft, selbst wenn ich mittlerweile auch die New Yorker Philharmoniker dirigiere." Gut eine Handvoll Orchester ist es, mit denen Viotti neben seinen vielen Opernverpflichtungen (von der "Met" bis zur Wiener Staatsoper, von Berlin bis Paris) Jahr für Jahr im Konzertsaal zusammenarbeitet - darunter auch Mariss Jansons' Philharmonisches Orchester in Oslo.

"Die Arbeit, die Mariss Jansons dort geleistet hat, ist phänomenal: Ein Provinzorchester ist jetzt ein Weltorchester geworden! Unglaublich - wie bei den Bildern von Botticelli, auf denen Gott den Geschöpfen den Atem einhaucht -, so einen Atem spürt man da auf jedem Musiker!"

"Paradisi gloria"

Ein "Wunder" nennt Viotti, was da in Oslo mit Mariss Jansons und in Birmingham mit Simon Rattle geschehen ist. Was bleibt da für die Kollegen? Staunen? Frustration? Oder läßt sich doch etwas aus diesen "Wundergeschichten" lernen? Marcello Viotti jedenfalls weiß, daß etwas "ganz Spezielles mit einem Orchester passieren muß", damit eine solche Zusammenarbeit außergewöhnliche Früchte trägt. Und das, was er seit September 1998 als Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters erlebt, scheint ihm von dieser Qualität zu sein - "etwas ganz Spezielles" jedenfalls.

"Ich sage nur, warten Sie noch drei, vier Jahre!" spricht Viotti mit der glühenden Leidenschaftlichkeit seiner einen Hälfte, bevor er die Emphase mit der zweiten Hälfte abfängt und bescheiden fortfährt: "Es ist nicht meine Sache, das zu sagen: Aber wir haben uns in drei Jahren so entwickelt, daß ich sofort erklärt habe: Ich bleibe noch weitere vier Jahre, damit ich sehe, was passiert!" Der Reiz der Münchner Aufgabe besteht nicht zuletzt darin, ein Orchester "mit einem wirklichen großen Potential" aus seinem Schattendasein zu befreien.

Und Schatten wirft nicht nur Lorin Maazels Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, neben dem das Münchner Rundfunkorchester gemeinhin nur als "das zweite Orchester" gilt, sondern auch die Konkurrenz der Münchner Philharmoniker mit James Levine und des Bayerischen Staatsorchesters mit Zubin Mehta. Viotti aber liebt genau diese Konstellation. "Wenn in einer Straße drei hervorragende Schneider sind, muß der vierte etwas Besonderes bieten, um bestehen zu können."

Eine solche Besonderheit ist zweifellos der Zyklus "Paradisi gloria", mit dem Viotti im vergangenen Jahr erstmals an die Öffentlichkeit trat. Daß einige Überzeugungsarbeit notwendig war, um eine Konzertserie ausschließlich mit geistlicher Musik des 20. Jahrhunderts ins Werk zu setzen, glaubt man ihm gerne. Der Erfolg aber gab ihm recht: Die Konzerte mit dem Münchner Rundfunkorchester und dem Bayerischen Rundfunkchor begeisterten selbst die gefürchtete Kritik der "Süddeutschen Zeitung", nach nur einer Saison ist der Zyklus, der nun in der neuen "Herz-Jesu-Kirche" stattfindet, praktisch ausverkauft.

Es war Viotti ein besonderes Anliegen, dieses Projekt in einer Kirche verwirklichen zu können - wie die ganze Konzertreihe aufs engste mit Viottis religiöser Überzeugung zu tun hat. "Paradisi gloria", die letzten Worte des "Stabat mater", die dem Zyklus den Namen geben, sind Schlüsselworte seines Glaubens. "Ich erinnere mich immer wieder an die Worte von Mutter Teresa, die gefragt wurde, wie sie noch glauben könne, da sie doch Kinder im Krieg oder vor Hunger sterben sehe, und die gesagt hat: ,Ich denke an die Mutter Christi, wie ihr Sohn gekreuzigt wurde.'

Und das ist eigentlich die einzige Antwort, die man geben kann - dieser Schluß des ,Stabat Mater', ,quando corpus morietur, fac, ut animae donetur Pardisi gloria', die Botschaft, daß wir nicht sterblich sind."

Prima le parole, poi la musica

Die Botschaft des Glaubens, der Sinn eines Textes, der Klang der Worte: das sind zentrale Kategorien für Marcello Viotti. "Aber Lieber", sagt er, nun mit ungebremster Leidenschaft, "die Sprache - insgesamt, in unserem Leben - ist das erste! Für mich ist die Poesie das erste, nicht die Musik! Ich kann weinen über zwei Sätze! Und deshalb lege ich auch soviel Wert auf die Sprache in der Oper, das ist so wichtig!"

Daß Viotti auch mit Begeisterung Gedichte liest, versteht sich nach diesem Credo von selbst. Lyrik von Verlaine und Ungaretti waren seine jüngste Lektüre - jeweils, versteht sich, in der Originalsprache, denn Viotti, der als Sohn italienischer Eltern in der französischen Schweiz geboren wurde, beherrscht beide Sprachen perfekt. Auch Deutsch spricht er sehr gut. Trotzdem zögert er noch, Wagner zu dirigieren, obwohl gerade der "Parsifal" (als Seelenverwandter des "Pelléas") so recht ein Werk für die zweite Hälfte seiner Persönlichkeit wäre.

Aber die Sprache zu verstehen, das heißt für den Musiker Viotti eben weit mehr als nur den Sinn der Worte aufzufassen und mit der Betonung der Silben vertraut zu sein. Es bedeutet, die "Prosodie der Musik" aus der Sprache heraus begreifen zu können und zu erfassen, wie die Sprache in die "unendliche Melodie" des Wagnerschen Orchesters mündet. Auch bei dem Werk, das Viotti nun im Musikverein dirigieren wird, erscheint ihm die "Prosodie der Musik" ganz wesentlich: Honeggers "Jeanne d'Arc" ist auch im musikalischen Satz "französisch gedacht". Trotzdem hat sich Viotti gerne bereit erklärt, das Werk - der besseren Verständlichkeit wegen - in der von Honegger selbst dirigierten deutschen Fassung von Hans Reinhart aufzuführen.

Seines Glückes Schmied

Daß es fast acht Jahre gedauert hat, bis Viotti nun erstmals ein Chor-Orchester-Werk im Musikverein dirigiert, ist eigentlich erstaunlich: Denn dem Gesang galt seine erste musikalische Liebe, und der Rundfunkchor von Radio Suisse Romande war seine erste berufliche Station. Den Weg dahin hatte sich Viotti mit einem "Nein" gebahnt, dem vielleicht wichtigsten seines Lebens. Dieses "Nein" galt dem Vater, der den ältesten Sohn gern nach alter Tradition zur Übernahme des Familienbetriebs, einer Schmiede, verpflichtet hätte.

Viotti aber beschloß, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Ohne Zubrot von daheim studierte er in Lausanne Gesang, Klavier und Violoncello und machte als Bariton seine Diplomprüfung in der Klasse von Juliette Bise. "Es waren phantastische Jahre", sagt Viotti heute und erinnert sich dankbar an seine Gesangslehrerin, die als Solistin von Ernest Ansermet auch viel von der Tradition französischer Musik weitergeben konnte. Parallel dazu absolvierte er eine Ausbildung zum Volksschullehrer (auf daß der Haussegen in der väterlichen Schmiede nicht allzu schief hing) und besuchte Vorlesungen in Philosophie und Theologie.

"Ich hab es genossen, Thomas von Aquin, Franz von Assisi und die großen Mystiker zu lesen - meine Neugier war schon immer groß, die Welt ist so interessant: Man müßte zwei, drei Leben zusammen haben." Dann kam das Engagement beim Rundfunkchor - und die Zusammenarbeit mit Wolfgang Sawallisch, dem damaligen Chef des Orchestre de la Suisse Romande. "Das war, wie Sie wissen, die entscheidende Begegnung in meinem musikalischen Leben - nicht weil er ein ,Dirigent' war, sondern ein enormer Musiker. Er hat so leidenschaftlich geprobt, so intensiv, so voll in der Musik gelebt!"

Wenn Viotti heute liest, was da so über Sawallisch geschrieben wird, schäumt er geradezu vor Wut. "Wie kann man solche Dinge behaupten!" sagt er, nun wirklich mit der vollen Emotionalität eines Otello: "Das ist ein ganz leidenschaftlicher Musiker! Wegen ihm bin ich Dirigent geworden, das sag' ich ganz einfach. Denn er hat mir die Liebe zu diesem Beruf gegeben."

Lob der Tradition

"Fangen Sie beim Theater an", riet Sawallisch, und Viotti startete die "Ochsentour" als Korrepetitor und Kapellmeister in Turin. Dann wurde er Assistent von Giuseppe Patané und hatte fünf Jahre lang Gelegenheit, im Windschatten des Maestro "sehr, sehr viel im italienischen Repertoire zu lernen". "Und noch eine Person darf ich nicht vergessen", sagt Viotti, "das ist Jean-Marie Auberson, der einzige Schüler von Ernest Ansermet. Mit ihm habe ich das französische Repertoire studiert - es war sehr wichtig für mich, diese Tradition zu kennen. Denn es gibt nichts Wichtigeres für mich als Tradition!"

Tradition: das ist "der Faden, der weitergeht" - ein Verbindung, die man kennen, die man spüren muß. "Das heißt nicht, daß ich etwas kopiere. Ich habe meine Persönlichkeit, ich bringe sie ein in die Interpretation. Aber ich möchte nicht die Tradition brechen!" Beispiele für dieses Traditionsverständnis hat Viotti viele bei der Hand: die Art etwa, wie Ansermet französische Musik probte, seine Kunst, in Bildern zu sprechen - "das gehört für mich zur französischen Kultur, diese Poesie zu haben" -, oder die italienische Oper in ihrer geschichtlichen Entwicklung, bei der sich die Stücke von Rossini bis Puccini "wie Legosteine ineinanderfügen".

Und dann natürlich die Gesangstradition, die überlieferte Kunst der vokalen Verzierungen - all das ist unabdingbar für Marcello Viotti. Weniger wichtig sind ihm die Bemühungen um die Rekonstruktion eines historischen Instrumentariums. Dabei kann er sich einerseits auf die Tradition italienischer Komponisten berufen, die ihre Stücke ohne viel Federlesens für die "Banda" oder andere Formationen umschrieben. Und andererseits widerspricht die damit verbundene Rigorosität seinem Verständnis von Oper: "Mir ist viel wichtiger, mit dem Sänger gemeinsam die Nuancen herauszuholen, für jeden Satz, für jedes Wort etwas zu finden: eine kleine Schattierung, ein Rubato hier, ein Mezzavoce dort - oder anders gesagt: mit dem Menschen zu arbeiten. Denn Oper ist für Menschen gemacht, für Menschen mit ihren ganz eigenen, persönlichen Möglichkeiten."

Post-Skriptum

Das Ideal liegt folglich in der Verschmelzung von Tradition und Individualität oder in einer dreifach wahrgenommenen Verantwortung: sich selbst, dem Werk und dem Publikum gegenüber. Die "Treue" ist auch in diesem Zusammenhang ganz wichtig für Marcello Viotti, die "Treue zu sich selbst", dazu das Wissen um die grundsätzliche Aufgabe des Dirigenten: "Wir sind eigentlich nur die Briefträger. Und wir haben tolle Briefe zu liefern. Aber wir sind eben nur die Briefträger. Und wir sollten nicht die ,praepotenza' haben, uns an die Stelle des Briefschreibers zu setzen."

Joachim Reiber

Dr. Joachim Reiber ist Redakteur der Zeitschrift "Musikfreunde" und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.